Jeder Band der Bischofbanden-Reihe spielt in einem anderen Jahrzehnt. Dadurch verändern sich nicht nur die Figuren, sondern auch ihre gesamte Lebenswelt: die Musik, die Kleidung, die Technik, die Sprache und die Vorstellungen davon, wie ein junger Mensch zu leben hat.
„Lissi und die Bischofbande“ führt in die Jahre von 1969 bis 1977. Für mich bedeutete das eine besonders intensive Reise in die Vergangenheit.
Eine Jugend, die ich selbst nicht erlebt habe
Ich bin in der DDR geboren und in den 1980er-Jahren aufgewachsen. Die Jugend westdeutscher Mädchen und Jungen in den 1970er-Jahren kenne ich deshalb nicht aus eigener Erfahrung.
Für „Lissi“ musste ich mich in eine Welt hineinversetzen, die mir zeitlich und gesellschaftlich zunächst fremd war. Dabei reichte es nicht, einfach Schlaghosen, lange Haare und einige bekannte Lieder zu erwähnen. Das Jahrzehnt sollte sich im Alltag der Figuren glaubwürdig widerspiegeln.
Ich stellte mir deshalb viele scheinbar kleine Fragen: Welche Süßigkeiten konnten sich Kinder damals am Kiosk kaufen? Welche Spiele spielten sie? Was lief im Fernsehen? Welche Stars wurden bewundert? Welche Musik hörten Jugendliche, und wie kamen sie überhaupt an neue Lieder?
Gerade solche Einzelheiten entscheiden darüber, ob eine vergangene Zeit beim Lesen lebendig wird.
Alltag ohne Smartphone und Internet
Heute können Jugendliche jederzeit Nachrichten verschicken, Musik hören oder Informationen suchen. Für Lissi und Michael gibt es diese Möglichkeiten nicht.
Verabredungen müssen vorher getroffen werden. Wer jemanden sprechen möchte, geht zu ihm hin oder versucht, ihn über das Telefon der Familie zu erreichen. Ein verpasstes Treffen lässt sich nicht schnell mit einer Nachricht erklären. Gerüchte verbreiten sich auf dem Schulhof, im Imbiss oder innerhalb der Banden.
Diese eingeschränkte Kommunikation wirkt sich unmittelbar auf die Handlung aus. Missverständnisse können länger bestehen bleiben, Geheimnisse lassen sich anders bewahren, und eine Begegnung erhält viel mehr Bedeutung.
Gleichzeitig verbringen die Jugendlichen einen großen Teil ihrer Freizeit draußen. Die Bandenlager, der Wald und der Weißwalder See sind deshalb nicht nur Kulisse. Sie sind die Orte, an denen Freundschaften entstehen, Konflikte ausgetragen werden und die Figuren unbeobachtet von den Erwachsenen sein können.
Wenn Recherche plötzlich kompliziert wird
Während des Schreibens tauchten immer wieder Fragen auf, mit denen ich vorher nicht gerechnet hatte. Besonders wichtig waren die gesellschaftlichen und rechtlichen Bedingungen der damaligen Zeit.
Welche Möglichkeiten hatte eine junge Frau, die sich gegen ihre Familie stellen wollte? Wie sah das Scheidungsrecht aus? Welche Erwartungen wurden an Ehefrauen und Töchter gestellt? Und ab wann durften Frauen bei einer Heirat ihren Geburtsnamen behalten?
Solche Fragen sind für Lissis Geschichte entscheidend. Sie wächst in einem Umfeld auf, in dem Herkunft, Ansehen und die Vorstellungen des Vaters einen großen Einfluss auf ihre Zukunft haben. Entscheidungen, die heute selbstverständlich erscheinen, waren für junge Frauen damals oft deutlich schwieriger.
Die Recherche half mir deshalb nicht nur dabei, die äußere Welt des Romans glaubwürdig zu gestalten. Sie machte mir auch verständlicher, warum Lissi so handelt, wie sie handelt.
Musik, Filme und Erinnerungen an ein Jahrzehnt
Auch die Popkultur gehört für mich unbedingt zu einer Zeitreise. Musik, Filme, Fernsehsendungen und bekannte Persönlichkeiten erzählen viel darüber, wovon Jugendliche träumten und was sie beschäftigte.
Dabei musste ich immer darauf achten, wann etwas tatsächlich erschienen oder bekannt geworden war. Ein Lied, ein Film oder eine Fernsehsendung darf schließlich nicht schon in einer Szene auftauchen, die mehrere Jahre vor der Veröffentlichung spielt.
Diese zeitliche Genauigkeit ist manchmal mühsam, macht aber auch großen Spaß. Bei der Recherche entdeckt man Dinge, die beinahe vergessen sind, und andere, die bis heute jeder kennt.
Warum es Fußnoten und ein Glossar gibt
Viele Begriffe und Anspielungen, die für Menschen in den 1970er-Jahren selbstverständlich waren, sagen heutigen jungen Leserinnen und Lesern möglicherweise nichts mehr.
Deshalb enthält das Buch Fußnoten und ein Glossar. Dort werden Begriffe erklärt und Hintergrundinformationen zu Stars, Filmen und anderen Besonderheiten der Zeit gegeben. Wer die 1970er selbst erlebt hat, kann dabei vielleicht eigene Erinnerungen wiederentdecken. Jüngere Leserinnen und Leser erhalten die Möglichkeit, tiefer in das Jahrzehnt einzutauchen.
Die Erklärungen sollen den Lesefluss nicht unterbrechen, sondern das Verständnis erleichtern und neugierig auf die damalige Zeit machen.
Weißwald in den 1970er-Jahren
Durch die Recherche wurde auch Weißwald für mich lebendiger. Der Ort bleibt über alle Bücher hinweg derselbe, aber jede Generation erlebt ihn anders.
In „Lissi und die Bischofbande“ begegnen wir einem Weißwald, in dem gesellschaftliche Herkunft noch eine große Rolle spielt. Der Hof der Familie Neumann, Michaels bescheideneres Zuhause, der Imbiss, die Bandenlager und der See bilden ganz unterschiedliche Lebenswelten.
So ist „Lissi“ nicht nur eine Liebesgeschichte zwischen zwei Mitgliedern verfeindeter Banden. Das Buch ist gleichzeitig eine Reise in eine Zeit, in der junge Menschen andere Möglichkeiten, andere Grenzen und doch häufig ganz ähnliche Wünsche hatten wie heute.
Denn unabhängig vom Jahrzehnt bleiben manche Dinge gleich: der Wunsch nach Freundschaft, Freiheit, Anerkennung – und nach einem Menschen, bei dem man ganz man selbst sein darf.
„Lissi und die Bischofbande“ spielt zwischen 1969 und 1977 und ist der erste Band der Bischofbanden-Reihe.
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