Manche Geschichten lassen sich nicht erfinden. Sie werden weitergegeben – von einem Menschen zum nächsten – und bleiben gerade deshalb im Gedächtnis.
Am 6. Dezember 2025 erzählte mir der damals 99-jährige Hogo Diederichs aus Bergisch Gladbach von einem Weihnachtsfest seiner Kindheit. Seine Erinnerung führte zurück in das Jahr 1946, in eine Zeit, die von Hunger, Kälte und den unmittelbaren Folgen des Krieges geprägt war.
Diese Begegnung wurde zur Grundlage einer besonderen Szene in „Die Kunst, ein Mädchen zu erobern“.
Fische unter dem Eis
Im Winter 1946 war das tägliche Leben für viele Familien von Entbehrungen bestimmt. Lebensmittel waren knapp, die Wohnungen kalt und ein reich gedeckter Weihnachtstisch für die meisten Menschen unvorstellbar.
Beim Schlittschuhlaufen entdeckten Hogo Diederichs und seine Begleiter Fische unter der gefrorenen Oberfläche eines Sees. Aus dieser Entdeckung wurde mehr als ein ungewöhnliches Wintererlebnis: Die Fische halfen dabei, nicht nur die eigene Familie, sondern auch Menschen aus der Nachbarschaft mit Nahrung zu versorgen.
Trotz der Not erinnerte er sich an dieses Weihnachtsfest als eines der schönsten seines Lebens.
Nicht, weil es Geschenke oder Überfluss gegeben hätte. Sondern weil die Menschen etwas fanden, das sie miteinander teilen konnten.
Aus einer Erinnerung wird eine Romanszene
Im Roman erzählt Christians Vater Friedrich seinem Sohn beim Angeln von Weihnachten 1946. Dadurch gelangt die wahre Begebenheit in die Welt von Weißwald.
Für die literarische Fassung wurde die Erinnerung in die Geschichte der Figuren eingebettet. Friedrichs Erzählung ist keine geschichtliche Abschweifung. Sie hilft Christian, seinen Vater und dessen Generation besser zu verstehen.
Christian wächst mehr als zwanzig Jahre nach Kriegsende auf. Für ihn gehören Milchbar, Musik und Zukunftspläne zum Alltag. Sein Vater hat dagegen erlebt, wie schnell Selbstverständlichkeiten verschwinden können. Diese unterschiedlichen Erfahrungen prägen ihre Sicht auf Sicherheit, Verantwortung und das Leben.
Wenn der Krieg lange nachwirkt
Ein Krieg endet nicht an dem Tag, an dem die Waffen schweigen. Er bleibt in den Erinnerungen der Menschen, beeinflusst Familien und wirkt häufig noch Jahrzehnte später weiter.
Die Erwachsenen des Jahres 1968 tragen Erlebnisse mit sich, über die sie nicht immer sprechen. Ihre Kinder wachsen in einer freieren Zeit auf, stoßen aber dennoch auf Ängste, Regeln und Verhaltensweisen, deren Ursprung in der Vergangenheit liegt.
Friedrichs Geschichte eröffnet Christian für einen Moment einen Zugang zu dieser Vergangenheit. Er erkennt, dass sein Vater einmal selbst ein Junge war – ein Junge in einer kalten und unsicheren Welt.
Warum Zeitzeugengeschichten bewahrt werden müssen
Menschen, die die unmittelbare Nachkriegszeit selbst erlebt haben, können uns etwas vermitteln, das keine Aufzählung historischer Daten ersetzt: wie sich Hunger anfühlte, worüber man sich freute und weshalb ein paar Fische zu einem unvergesslichen Weihnachtsgeschenk werden konnten.
Mir war wichtig, diese Erinnerung respektvoll in den Roman aufzunehmen. Die erfundene Figur Friedrich trägt die Geschichte weiter, doch ihr Ursprung bleibt ein reales Erlebnis, das Hogo Diederichs mit mir geteilt hat.
So verbindet die Szene drei Zeiten miteinander: das Weihnachtsfest von 1946, Christians Sommer 1968 und unsere Gegenwart, in der die Erinnerung erzählt und aufgeschrieben wird.
Vielleicht liegt genau darin die besondere Kraft solcher Geschichten. Solange sie weitererzählt werden, gehen die Menschen und Erfahrungen hinter ihnen nicht verloren.